Hausärzte dringend gesucht

Sogar beim Verbandstag werben die Gemeinden – doch die Honorare schrecken Berufseinsteiger ab

Manche Gemeinden im Land bangen um ihre medizinische Versorgung. Beim Hausärztetag in Stuttgart sind die Misere und mögliche Heilmittel debattiert worden.

Von Christoph Meyer, Stuttgarter Nachrichten

STUTTGART. Martin Buchwald ist verzweifelt. Der Bürgermeister von Neuweiler im Nordschwarzwald steht am Samstag in der Lobby des Hotels Maritim in Stuttgart. Dort
findet gerade der 11. baden-württembergische Hausärztetag statt. Buchwald sucht
dort dringend neue Hausärzte für seine 4000-Seelen-Gemeinde. Er hat sich eine gelbe
Schärpe umgebunden, auf der geschrieben steht: „Land sucht Arzt“. „Beide Hausärzte
in unserem Ort hören in absehbarer Zeit auf, wir wissen nicht, was wir dann tun sollen, junge Ärzte wollen einfach nicht kommen“, klagt Buchwald.

So wie Neuweiler scheint es vielen anderen Gemeinden in Deutschland zu gehen. Deswegen steht die  Versammlung unter dem Motto „Dringend gesucht, Hausarzt“. Im Konferenzsaal sitzen die gesundheitspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen von Union, SPD und Grünen – Jens Spahn, Hilde Mattheis und Birgitt Bender – wie auch der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg, Christopher Hermann, und Ulrich Weigeldt vom Hausärzteverband auf einem Podium. Die Politiker liefern sich ein Wortgefecht mit etwa 140 Hausärzten aus dem ganzen Land.

„Es gibt nicht genügend Nachwuchs bei den Hausärzten, weil eine adäquate finanzielle Vergütung fehlt“, sagt Bertold Dietsche, der Vorsitzende des baden-württembergischen Hausärzteverbands.

Politiker, Vertreter von Kassen und Ärzten diskutieren heftig

Das sehen die Mediziner im Saal auch so. Das Problem liege im komplizierten Abrechnungssystem über die Kassenärztliche Vereinigung, bei der Hausärzte schlechter wegkommen als der Facharzt. Das schrecke Berufseinsteiger ab. Sie wollen daher Einzelverträge zwischen dem Hausärzteverband und den Krankenkassen, um höhere Honorare zu erreichen. Im Land ist das zwar schon jetzt möglich, könnte aber durch einen Gesetzespassus ab 2014 erschwert werden.

Im Hausarztvertrag verpflichtet sich der Patient, zuerst zu seinem Hausarzt zu gehen und den teuren Facharztbesuch nur auf Anraten des Allgemeinmediziners zu machen. „Das spart Geld, das den schlechter bezahlten Hausärzten zugute kommt“, sagt Holger Pressel von der AOK Baden-Württemberg unserer Zeitung. Laut Gesetz soll aber ab 2014 ein Finanzierungsvorbehalt gelten, wonach die höheren Einnahmen der Ärzte nachvollziehbar an anderer Stelle eingespart werden, etwa durch billigere Medikamente.

Jens Spahn von der CDU pocht auf die gesetzlich verankerte Beitragsstabilität. „Ich
persönlich könnte mir  vorstellen, dass in Zukunft statt Medikamenten Wirkstoffe verschrieben werden“, sagt er. So könnten die Kassen die jeweils günstigsten Präparate abrechnen. Für Ulrich Weigeldt vom Hausärzteverband ist das Quatsch. „Die Patienten müssen wissen, welches Medikament für sie am besten ist“, meint er. Hilde Mattheis von der SPD pflichtet den Hausärzten bei. Für sie steht fest: „Der Finanzierungsvorbehalt muss weg.“ Auch Birgitt Bender von den Grünen fordert, dass der umstrittene Absatz aus dem Sozialgesetzbuch gestrichen wird. Sie will den Kampf gegen den Hausärztemangel nicht allein mit Geld führen. Auch wöchentliche Sprechstunden im Rathaus ländlicher Gemeinden hält sie für denkbar.

Für Martin Buchwald aus Neuweiler wäre das kein Problem: „Eine der beiden Praxen
im Ort ist in einem städtischen Gebäude untergebracht“, sagt er. Doch Hoffnung,
dass sich ein Arzt findet, der stundenweise dort praktiziert, hat er nicht.